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Versuchshundezucht in Deutschland Hundebabys als Massenware(erschienen in: tierrechte 4.99, Nr. 10, November 1999)In der letzten Ausgabe der tierrechte berichteten wir von den Entdeckungen der englischen Tierversuchsgegner. Sie hatten undercover bei der Firma Harlan UK ermittelt und dabei die Vernachlässigung und massenhafte Tötung von Beagle-Hunden dokumentiert, die für Tierversuche gezüchtet werden. Der Bundesverband der Tierversuchsgegner - Menschen für Tierrechte nahm dies zum Anlass herauszufinden, unter welchen Bedingungen hier in Deutschland Hunde für Tierversuche gezüchtet werden. Hier sind die erschütternden Ergebnisse. Die Harlan Winkelmann GmbH Die Harlan Winkelmann GmbH ist der deutsche Zweig der Harlan Sprague Dawley Inc. mit Sitz in den USA. In Deutschland werden in diesem Unternehmen vor allem Hunde, aber auch "Nagetiere" für Versuche gezüchtet. Laut eigenen Angaben ist Harlan Winkelmann sowohl weltweit als auch in Deutschland der zweitgrößte kommerzielle Anbieter von Versuchstieren (nach dem ebenfalls weltweit tätigen Unternehmen Charles River). Von den ca. 4500 Hunden, die jährlich in Deutschland in Tierexperimenten eingesetzt werden, „stammen etwa 1500 von Harlan Winkelmann. Die Firma liefert außerdem Tiere nach Holland, Dänemark, Österreich und in die Schweiz. Besichtigung bei Harlan Nach den Entdeckungen in England wollten wir uns nicht mit einigen Informationen per Brief abspeisen lassen, sondern die Einrichtungen bei Harlan besichtigen. Dies war nach einigem Hin und Her auch möglich und der Direktor, der tierärztliche Leiter und ein Pfleger führten uns durch den Betrieb. Es war uns allerdings nicht gestattet, Fotos zu machen. Die folgenden Zahlen vermitteln nicht die Empfindungen, die sich beim Anblick der Tiere in den Zwingeranlagen einstellten, aber sie geben einen Eindruck über die Massenproduktion von Hunden für die Verwendung als Versuchstiere: Ungefähr 500 Zuchthündinnen leben bei Harlan Winkelmann. Dabei handelt es sich in der Mehrzahl um Beagle-Hunde sowie um einen „Mischlings-Stamm, der ursprünglich aus Foxhound, Boxer und Labrador gezüchtet wurde. Jeweils etwa sechs bis acht Hündinnen leben mit einem Rüden zusammen, so dass es insgesamt circa 60 bis 80 Zuchtrüden sind. 12 Pfleger und ein Tierarzt kümmern sich um die Zuchthündinnen und -rüden sowie um die Welpen bis zum Alter von drei Monaten. Dann werden die jungen Hunde in eine andere - räumlich weiter entfernte - Anlage von Harlan Winkelmann verbracht, wo sie bis zum Verkauf bleiben. Mehrere Tausend Welpen werden auf diese Weise jedes Jahr „produziert und im Alter von einigen Monaten zu einem Preis von durchschnittlich 2500 bis 3000 DM an Versuchslabore verkauft. Trostloses Dasein als Gebärmaschinen Kurz vor dem Geburtstermin werden die tragenden Hündinnen von dem Rudel getrennt und in „Einzelabteile verbracht. Hier werden die Welpen geboren. Nach der Entwöhnung mit etwa acht bis zehn Wochen hat die Mutter zwei bis drei Wochen Zeit, sich zu erholen. Dann kommt sie wieder zurück ins Rudel und wird bei der nächsten Läufigkeit wiederum gedeckt. So hat jede Hündin ein bis zwei „Würfe pro Jahr, und dies bis ins hohe Alter. Zum Vergleich: Sogar nach den Richtlinien des Verbandes für das Deutsche Hundewesen (VDH), dem Dachverband der meisten Rassehundvereine und „Hobbyzüchter, dürfen Hündinnen zur Zucht nur eingesetzt werden, wenn sie mindestens 20 Monate und höchstens acht Jahre alt sind. Sie dürfen in der Regel pro Kalenderjahr nur einmal Welpen und insgesamt höchstens fünf „Würfe bekommen. Keinerlei Abwechslung oder Spielzeug Alle Hunde werden bei Harlan Winkelmann auf beheizbarem Betonboden gehalten. Bei den Müttern mit Welpen befindet sich eine „Wurfkiste in den Abteilen, die mit Hobelspänen oder mit Jutesäcken ausgelegt ist. Die Zwinger haben einen kleinen Auslauf unter freiem Himmel, zu dem eine Klappe führt, die von den Hunden selbständig geöffnet werden kann. Die „Zuchtrudel" aus Rüde und mehreren Hündinnen haben allerdings gar keinen Freilauf. Sie werden in einer großen Halle gehalten, die in Abteile unterteilt ist, in denen jeweils ein Rudel lebt. In jedem Abteil steht etwas erhöht eine Hütte mit ebenfalls beheizbarem Boden. Spielzeug, Beißhölzer, Röhren zum Durchkriechen oder ähnliches gibt es nicht. Richtigen Auslauf oder Freigang bekommen die Hunde nicht. Ein Hundeleben Wir hatten Gelegenheit, durch den ganzen Betrieb zu gehen und Kontakt zu den Tieren aufzunehmen. Die meisten Hunde waren trotz dieser einengenden Haltung ohne Abwechslung und ohne jegliche Spielmöglichkeit kaum verängstigt und schon gar nicht aggressiv. Sie zeigten sich neugierig und zutraulich, ließen sich streicheln und waren geradezu begierig danach, die dargebotene Hand zu beschnüffeln und zu belecken. Dies ist sicher ein Zeichen für das auch von Experimentatoren immer wieder betonte freundliche Wesen der Beagle-Hunde, das ihnen in diesem Fall zum Verhängnis wird und sie häufig als Versuchstier enden lässt. Wir konnten bei Harlan Winkelmann keinen Hund entdecken, der verletzt oder in schlechtem Pflegezustand war. Doch wer mit Hunden umgeht und Erfahrung hat, wer erlebt hat, wie entdeckungsfreudig junge Hunde sind, wie gern sie Neues untersuchen und auf einer Wiese auch mal Löcher buddeln, wie viel Freude ihnen ein Spaziergang und im Sommer ein Bad im See oder Bach macht, wer ein wirklich erfülltes Hundeleben kennt, der weiß, dass ein Hund mehr braucht als einen gefüllten Napf und einen sauber ausgespritzten Zwinger Angeblich keine Tötung überzähliger Tiere Laut eigenen Angaben kommt es bei Harlan Winkelmann nicht vor, dass Hunde aus Gründen der „Überproduktion" getötet werden. Angeblich wird immer eher unter Bedarf „produziert", so dass alle gezüchteten Tiere auch „Abnehmer" finden. Auch Tiere mit „Mängeln" wie verkürzte Unterkiefer, die nach den Recherchen der englischen Tierversuchsgegner in England eingeschläfert werden, werden bei Harlan Winkelmann nach eigener Aussage nicht getötet, sondern ebenfalls an Labore verkauft. Selbst für alte Hunde, die aus der Zucht genommen werden, hat diese „Tierverwertungs-Industrie" noch Verwendung: Sie werden als „Blutspender" eingesetzt. Aus dem Blut wird z.B. Serum hergestellt, das in der pharmazeutischen Industrie vielfältig verwendet wird, u.a. zu diagnostischen Zwecken. Ob diese Angaben stimmen, kann allerdings kaum überprüft werden. Die rechtliche Situation Für Hunde, die für Tierversuche gezüchtet werden, gibt es in Deutschland keine gesetzlich verbindlichen Vorschriften hinsichtlich Haltung, Zwingergröße, Auslauf oder ähnlichem. Das Tierschutzgesetz schreibt zwar vor, dass Tiere ihrer Art und ihren Bedürfnissen entsprechend zu versorgen und verhaltensgerecht unterzubringen sind. Doch dies sind sehr allgemeine Maßgaben. Es gibt es keine genaueren Ausführungen darüber, was z.B. unter „verhaltensgerecht" zu verstehen ist. Und auch auf europäischer Ebene gibt es lediglich Empfehlungen ohne rechtliche Bindung. In jedem Buch über Hunderassen wird der Beagle als liebenswerter, freundlicher Hund beschrieben, der ursprünglich für die Treibjagd gezüchtet wurde und vor allem eins im Sinn hat: laufen, laufen, laufen. Doch trotz dieser Erkenntnisse besteht keine rechtliche Handhabe gegen die restriktive Hundehaltung bei Harlan Winkelmann, denn wie oben ausgeführt gibt es keine verbindliche Regelung für die Zucht und das Halten von Hunden für Tierversuch Tierversuche mit Hunden Doch das eintönige und trostlose Dasein der Zuchthunde ist wahrscheinlich das kleinere Übel im Vergleich zu dem, was auf die Tausende Hundebabys zukommt. Schließlich werden sie nur zu dem einen Zweck geboren werden, im Tierversuch zu enden. Hunde werden häufig in der Herz-Kreislauf-Forschung benutzt, wo z.B. Herzinfarkte untersucht und dazu bei den Tieren künstlich ausgelöst werden. Weiterhin werden etwa die Hälfte der in Deutschland in Tierversuchen verwendeten Hunde in sogenannten Toxizitätsuntersuchungen eingesetzt. Dies bedeutet, dass den Tieren Substanzen verabreicht werden, um deren Giftigkeit zu prüfen. Dabei werden die zu testenden Mittel entweder dem Futter beigemischt, mit einer Sonde direkt in den Magen gegeben oder per Spritze verabreicht. Die giftigen Wirkungen der Teststoffe sind in vielen Fällen sehr schmerzhaft für die Tiere. Am Ende des Versuchs, der Tage oder auch Wochen dauern kann, werden die Hunde getötet und ihre inneren Organe entnommen und untersucht. Fazit Dass Tierversuche unethisch und sehr oft mit großen Schmerzen für die Tiere verbunden sind, ist für uns Tierversuchsgegner nicht neu und leider immer noch Tatsache. Dass die Zucht und die Haltung dieser Tiere nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrieben wird und keine Rücksicht auf wirkliche Bedürfnisse und das Ausleben arteigener Verhaltensweisen nimmt, ist in diesem Zusammenhang kein Wunder. Aber dass dies nach der derzeitigen rechtlichen Lage auch noch völlig legal ist, macht deutlich, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben. Auch künftig wird unser Einsatz gegen Tierversuche und für die Anerkennung und Durchsetzung von Tierrechten notwendig sein. Lassen Sie uns weiter für diese Ziele streiten. Marion Selig, Bundesverband der Tierversuchsgegner - Menschen fuer Tierrechte |
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